Was hat Kulturwandel mit Infektionsschutz zu tun?

1. August 2018

Lohfert-Preis

Bei der diesjährigen Verleihung des Lohfert-Preises wird ein Hygieneprojekt ausgezeichnet, das sich vor allem an Patienten und Angehörige wendet. „AHOI-Patient im Boot“ der Universitätsmedizin Greifswald steht dabei exemplarisch für einen nötigen Kulturwandel in der medizinischen Versorgung.

Dr. Thomas Lehnert, wissenschaftlicher Leiter der Christoph Lohfert Stiftung, über das Ausschreibungsthema „Kulturwandel im Krankenhaus: Multidimensionale Konzepte zur Verbesserung der (Patienten-)Sicherheitskultur“ und das prämierte Projekt:

Mit der medizinischen Versorgung gehen regelmäßig gesundheitliche Beeinträchtigungen von Patienten einher. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit schätzt, dass bei mindestens einem von 20 Krankenhauspatienten sogenannte „unerwünschte Ereignisse“ auftreten, wovon in etwa die Hälfte vermeidbar wäre(1). Als „unerwünschte Ereignisse“ bezeichnet das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin „ein schädliches Vorkommnis, das eher auf der Behandlung denn auf der Erkrankung beruht“. Häufige unerwünschte Ereignisse sind zum Beispiel Arzneimittelnebenwirklungen, Infektionen mit Krankenhauskeimen und Druckgeschwüre.

Vermeidbare unerwünschte Ereignisse kosten fast fünf Milliarden Euro jährlich

Die meisten Betroffenen erleiden nur geringe gesundheitliche Beeinträchtigungen. Dennoch versterben in deutschen Krankenhäusern jährlich schätzungsweise rund 19.000 Patienten in Folge vermeidbarer unerwünschter Ereignisse(2). Ein durch die Europäische Kommission in Auftrag gegebener Bericht schätzt die mit vermeidbaren unerwünschten Ereignissen einhergehenden Gesamtkosten auf 1,5% der Gesundheitsausgaben im Jahr 2014 – das entspricht 4,94 Mrd. Euro.(3) Mit dem Ziel, die Sicherheit und Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, sollte es Anspruch jeder medizinischen Versorgungseinrichtung sein, Risiken für das Auftreten unerwünschter Ereignisse kontinuierlich zu verringern und weitestgehend zu minimieren.   

Patientensicherheit entsteht durch ausgeprägte Sicherheitskultur

Krankenhäuser sind komplexe Organisationen, die auf vielfältige Art und Weise von kulturellen Aspekten durchzogen sind. Die „Organisationskultur“ eines Krankenhauses spiegelt sich unter anderem in den Werten, Normen, Einstellungen und letztlich den Verhaltensweisen der Mitarbeiter wieder. Eine zentrale Bedeutung hat hierbei der Umgang mit Risiken, die zu einer Gefährdung der Patienten führen können. Wird Sicherheitsaspekten auf allen Ebenen eines Krankenhauses eine übergeordnete Bedeutung zugemessen, spricht man von einer ausgeprägten „Sicherheitskultur“(4).

Soziale Kompetenzen stärken technische Leistung

Die Sicherheitskultur ist unter anderem durch eine offene und vertrauensvolle Kommunikation, regelmäßige Schulungen und Teamtrainings der Mitarbeiter, der Umsetzung von (evidenz-basierten) Präventionsmaßnahmen sowie einer hohen Patientenorientierung geprägt(5). Wissenschaftliche Studien legen den positiven Zusammenhang einer ausgeprägten Sicherheitskultur eines Krankenhauses auf die Qualität der medizinischen Versorgung nah(6). Trentzsch und Kollegen(7) folgern zum Beispiel, dass Simulator-basierte Teamtrainings nicht nur das Problembewusstsein schärfen und die Sicherheitskultur verbessern, sondern auch die technische Teamleistung stärken und zur Verbesserung patientenzentrierter Endpunkte, wie der Reduktion von unerwünschten Ereignissen führen können. Insofern Maßnahmen die sicherheitsbezogenen Grundmuster, geteilten Werte, Überzeugungen und Handlungsweisen der Mitarbeiter dauerhaft positiv verändern, tragen sie zum „Kulturwandel“ in der stationären Versorgung bei. 

Wirksamer Infektionsschutz erfordert die Mitarbeit aller Beteiligten

Das Ausschreibungsthema für den Lohfert-Preises 2018 „Kulturwandel im Krankenhaus: Multidimensionale Konzepte zur Verbesserung der (Patienten-)Sicherheitskultur“ greift aktuelle Entwicklungen der wissenschaftlichen Forschung zur Patientensicherheit auf(8). Der innovative Ansatz des diesjährigen Gewinnerprojekts „AHOI-Patient im Boot“, durchgeführt am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Greifswald, bindet alle relevanten Akteure aktiv in den Infektionsschutz im Krankenhaus ein. Neben den Ärzten und dem pflegerischen Personal sind das vor allem die Patienten und Angehörigen. Denn obwohl von diesen ein erhebliches Risiko für die Übertragung von Infektionserregern ausgeht, wurden sie bisher kaum systematisch in Präventionsmaßnahmen eingebunden.

Kommunikationstrainings für Kritikfähigkeit und ein Miteinander auf Augenhöhe

„AHOI-Patient im Boot“ fördert den Kulturwandel in der medizinischen Versorgung auf wissenschaftlich fundierter Basis. Bei Aufnahme ins Krankenhaus werden die Patienten ermutigt, mit Hilfe geeigneter Informationsmaterialien zum richtigen Hygieneverhalten im medizinischen Umfeld aktiv und auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern am Infektionsschutz mitzuwirken. Einerseits, indem sie selbst regelmäßig Händehygiene betreiben, andererseits indem sie die Mitarbeitenden ggf. zur Händedesinfektion auffordern. Zu diesem Zweck wurden die Mitarbeitenden im Rahmen von Kommunikationstrainings für eine offenere Kommunikation und erhöhte Akzeptanz für die von Patienten geäußerte Konstruktivkritik geschult.

Vorreiter bei Infektionsschutz

Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse fanden bereits Eingang in Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert Koch-Institut, was die hohe Relevanz des Projektansatzes bezüglich der Infektionsprävention in der stationären Versorgung anzeigt. Momentan ist das Team um Prof. Dr. med. habil. Nils-Olaf Hübner, M.Sc. (Projektleitung) und Dr. rer. nat. Kathleen Dittmann (Projektkoordination) mit der Umsetzung einer prospektiven, multizentrisch klinischen und gesundheitsökonomischen Wirksamkeitsstudie beschäftigt, im nächsten Schritt soll das Projekt auf andere Kliniken und Regionen übertragen beziehungsweise bundesweit ausgerollt werden.   

Der Preisträger wird das Projekt „AHOI-Patient im Boot“ anlässlich der feierlichen Preisverleihung am 19. September 2018 in Hamburg vorstellen.

Hamburg, im August 2018

Dr. Thomas Lehnert
Wissenschaftliche Leitung Christoph Lohfert Stiftung


Literaturnachweise

1 Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (2008): Agenda Patientensicherheit 2008. (vgl. Forschungsbericht, S. 3-80); 2 Geraedts M. (2104): Das Krankenhaus als Risikofaktor. In: Klauber J, Geraedts M, Friedrich J, Wasem J (Hrsg.): Krankenhaus-Report 2014: Patientensicherheit. Stuttgart: Schattauer Verlag, S. 3-12; 3 Zsifkovits et al. (2016): Costs of unsafe care and cost effectiveness of patient safety programmes. European Comission, Health and Food Safety.; 4 Guldenmund, F.W. (2000): The nature of safety culture: a review of theory and research. Safety Science. 34(1):215-257., Pfaff et al. (2009): Sicherheitskultur: Definition, Modelle und Gestaltung. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 103(8):493-7., Halligan M. and A. Zecevic (2011): Safety culture in healthcare: a review of concepts, dimensions, measures and progress. BMJ Qual Saf. 20(4): p. 338-43.; 5 Hoffmann B, Hofinger G, Gerlach F (2009): (Wie) ist Patientensicherheitskultur messbar? Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 103(8):515-20.; 6 The Health Foundation (2011): Does improving safety culture affect patient outcomes? London.; 7 Trentzsch et al. (2013): Verbessern simulatorbasierte Teamtrainings die Patientensicherheit? Der Unfallchirurg: 116(10): 900-908.; 8 Pronovost et al. (2015): Transforming Patient Safety - A sector-wide systems approach. Report of the WISH Patient Safety Forum 2015., Aboumatar et al. (2017): Towards high-reliability organising in healthcare: a strategy for building organisational capacity. BMJ Qual Saf. 26(8):663-670.

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Save the date: 19. September 2018

Verleihung des Lohfert-Preises 2018 im Rahmen des 14. Hamburger Gesundheitswirtschaftskongresses