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„Kitzel“-Automatik verhindert Atemaussetzer bei Frühgeborenen – und entlastet die Pflegekräfte

26. November 2019

News

Passend zur Vorweihnachtszeit erreicht uns ein Spendenaufruf der Uni Leipzig. Das dort angesiedelte Haptik-Forschungslabor sucht  Spender und Sponsoren für die Erprobung eines Projekts zur Verhinderung des Atemstillstands von Frühgeborenen. Wir haben den Projektleiter Prof. Dr. phil. habil. Dipl. Psych. Martin Grunwald dazu interviewt.

In Deutschland kommen jährlich ungefähr 70.000 Babies zu früh auf die Welt. Die allermeisten  müssen intensivmedizinisch behandelt und überwacht werden. Dabei betrifft eines der Probleme die Atmung. Denn selbst, wenn Frühgeborene schon selbständig atmen können, setzt bei ihnen die Atmung noch häufig aus: Bis zu 15 Mal in der Stunde kann es zu einem Atemstillstand, sogenannter Apnoe, kommen. In dessen Folge sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut – das Baby ist akut gefährdet. Meist reicht es, das Baby kurz zu berühren, damit seine Atmung wiedereinsetzt. Für die Pflegekräfte auf den Frühgeborenenstationen ist das jedoch eine enorme Herausforderung. Um bleibende Schäden bei den Babies zu verhindern, müssen sie schnell reagieren und zum betroffenen Kind eilen – eine zusätzliche Belastung im sowieso schon fordernden Alltag.

Nun sind Forscher des Haptik-Labors  der Universität Leipzig auf eine einfache Idee gekommen: Eine winzige Luftdruckmanschette am Fuß des Frühgeborenen wird durch einen Pumpmechanismus für kurze Zeit auf- und abgepumpt. Diese leichte Fußmassage animiert die Frühgeborenen wieder zu atmen. Die Pflegekräfte starten und beenden diese Art der Stimulation durch Knopfdruck. So können die Apnoephasen schneller beendet werden. Die vielen kostbaren Sekunden, die bisher für die Händedesinfektion des Pflegepersonals benötigt wurden, entfallen, da mit der neuen Methode der Inkubator (Brutkasten, Anm.d.R.) nicht mehr geöffnet werden muss. Dadurch gelangen auch weniger Keime in den Inkubator, Warmluft kann nicht entweichen. Für das Pflegepersonal erleichtert diese Methode den Arbeitsalltag, zumal häufig bei mehreren Kindern gleichzeitig Apnoephasen auftreten.


Herr Professor Grunwald, Sie sagen, dass das von Ihrem Team erarbeitete Stimulationsverfahren die Atemstillstandsphasen bei Frühgeborenen beenden kann – wie hoch ist Ihr Vertrauen in die Technik und wie überzeugen Sie die beteiligten Pflegekräfte von dem Verfahren?

Wir haben bereits Pilotversuche mit Prototypen durchgeführt. Die durchweg positiven Ergebnisse der neuen Stimulationsmethode haben wir mit den Kolleginnen und Kollegen der Neonatologie des Universitätsklinikums Leipzig besprochen. Weil die Pflegekräfte die schnelle Wirkung der Fußstimulation selbst erlebt haben, sind sie auch davon überzeugt, dass diese Methode im klinischen Einsatz künftig sehr sinnvoll sein wird. Aber alle wissen auch, dass noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten ist, bevor das System vollständig ausgereift ist. Es ist zwar für die Kolleginnen und Kollegen am Universitätsklinikum völlig normal, dass zu neuen Entwicklungen auch aufwendige Forschungsarbeiten nötig sind. Trotzdem sind wir ihnen und dem Chef der Neonatologie, Prof. Ulrich Thome, sehr dankbar, dass sie neuen Behandlungsideen so positiv und aufgeschlossen gegenüberstehen.     

Wie ist das Vorgehen, wenn ein Kind trotz Fußstimulation nicht weiteratmet?

Jede Apnoephase ist ein lebensbedrohliches Ereignis. Deshalb wird auch jede Fußstimulation durch das Pflegepersonal strengstens überwacht. Eine Standardstimulation mit unserer Methode dauert ca. 20 Sekunden. Danach sollte die selbständige Atmung beim Frühgeborenen wieder einsetzen. Es drückt also niemand auf den Geräteknopf und geht dann seiner Wege, sondern die Pflegekräfte bleiben so lange beim Kind, bis die selbständige Atmung wieder einsetzt. Falls die Atmung nicht wieder einsetzt, wird direkt am Kind überprüft, was die Ursachen für den anhaltenden Atemstillstand sind.   

Wie haben Sie die betroffenen Eltern in das Projekt eingebunden?

Jede Form von Behandlungsveränderungen an einem Neugeborenen, die vom klinischen Standard abweicht, müssen strikt mit den Eltern besprochen und auch von ihnen genehmigt werden. Das bedeutet für uns, dass die Eltern für unser Vorhaben die zentralen Partner sind. Anhand eines Prototypen zeigen wir den Eltern, wie die Luftdruckmanschette am Fuß angebracht wird und wie sich die Fußmassage anfühlt. Die Eltern nutzen hierfür einen Finger ihrer Hand und verstehen auf diese Weise sehr schnell, was wir mit der neuen Methode bei ihrem Kind erreichen wollen. Zudem ist es für die Eltern und uns sehr wichtig, dass in der Forschungsphase dieser Methode immer zwei Pflegekräfte bei einem Neugeborenen sind, wenn eine Apnoephase auftritt. Eine Pflegekraft bedient die Fußstimulation und die andere desinfiziert sich gleichzeitig die Hände. Auf diese Weise können wir sicherstellen, dass bei Problemen sofort der Inkubator geöffnet werden kann.        

In Ihrem Haptiklabor erforschen Sie die Wirkung von Berührungen und ihre biologischen Grundlagen. Was würden Sie heute jungen Eltern raten?

Sowohl für das Neugeborene, aber auch für die Eltern ist es wichtig, dass sich trotz der bestehenden medizinischen Schwierigkeiten eine gute und innige Beziehung zwischen ihnen entwickelt. Das ist wirklich eine große Herausforderung gerade bei sehr früh geborenen Kindern. Die Eltern haben in der Regel starke Berührungsängste und sind vom Zustand ihres Kindes oft regelrecht traumatisiert. Dazu kommt der medizinische Kontext, die fremde Umgebung auf der Station. Trotz alledem ist es wichtig, dass die Eltern zu ihrem Kind so oft es nur geht einen körperlichen Kontakt herstellen. Anders als früher ist man heute auch in allen Neonatologiestationen bestrebt, diesen Elternkontakt zu fördern. Wir wissen, dass dieser Körperkontakt sowohl den Eltern als auch dem Kind hilft, diese kritische Lebensphase besser zu überstehen. Auch, wenn es schwer fällt und zum Teil mit viel seelischer Anstrengung verbunden ist, sollten sich deshalb Eltern von Frühgeborenen unbedingt bemühen, sobald als möglich eine körperliche Bindung zu ihrem Kind herzustellen.          

Nach den erfolgreichen Vorstudien werden nun dringend Spendenmittel für die Finanzierung der weiteren Erprobung und Entwicklung benötigt.

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Prof. Dr. phil. habil. Dipl. Psych. Martin Grundwald gründete im Jahr 1996 Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Dort erforscht er die Wirkungsweise des menschlichen Tastsinns und seine Wirkung auf das Denken, Fühlen und Handeln. Zudem entwickelt Martin Grundwald neue Messverfahren und körperorientierte Therapieansätze bei Essstörungen, Demenz und in der Neonatalmedizin. Sein Lehrbuch Human Haptic Perception (2008) ist Standardwerk der internationalen Haptik-Forschung. 2018 veröffentlichte er "Homo Hapticus - warum wir ohne Tastsinn nicht leben können", das in Österreich Wissenschaftsbuch des Jahres wurde.

Leipzig, Hamburg, im November 2019, Copyright Foto: Droemer-Knaur Verlag, Margarete Cane

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