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Bitte nicht ins Krankenhaus! Wie ambulante Notfallversorgung für schwerstkranke Menschen gelingen kann

16. April 2026

Projekt

Für Menschen am Lebensende ist ein Krankenhausaufenthalt besonders belastend, und oftmals gibt es keine Rückkehr mehr nach Hause. Wäre es nicht möglich, diese schwerstkranken Patient:innen in einem akuten Notfall in ihrem gewohnten Umfeld zu versorgen? Wie können wir Krankenhauseinweisungen und Übertherapie noch besser vermeiden?

In Hamburg gibt es nun eine Antwort darauf: Zusammen mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der Hamburger Feuerwehr, Sozialbehörde, Kassenärztlichen Vereinigung, dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie zwei Krankenhäusern und weiteren Palliativpflegediensten entsteht das „Notfall Palliativ Care Team Hamburg“ – ein bislang einzigartiges Modellprojekt zur Notfall-Versorgung von Menschen in palliativer Situation. 

Wir haben mit dem Initiator und Co-Projektleiter Sven Goldbach über das Notfall Palliativ Care Team Hamburg und das PalliativQuartier e.V. gesprochen (18MB):

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Sven Goldbach, Mit-Initiator und Co-Projektleiter von Notfall Palliativ Care Team Hamburg/PalliativQuartier e.V. und Geschäftsführer/Pflegedienstleitung der Goldbach PalliativPflegeTeam GmbH, Foto: privat
Sven Goldbach, Mit-Initiator und Co-Projektleiter von Notfall Palliativ Care Team Hamburg/PalliativQuartier e.V. und Geschäftsführer/Pflegedienstleitung der Goldbach PalliativPflegeTeam GmbH, Foto: privat

 

"Ich bin seit 18 Jahren in der ambulanten Versorgung. Wir merken immer mehr, dass viele Menschen nicht in die Klinik oder in den stationären Bereich wollen. Gerade auch am Lebensende. Zu Hause ist zu Hause. Da fühle ich mich am sichersten, am wohlsten. Und gerade, wenn ich in existenziellen Krisen bin, ist es natürlich schön, diese Sicherheit zu haben."

Videoshort zum Interview

Das Notfall Palliativ Care Team Hamburg als Modellprojekt des PalliativQuartiers Hamburg e.V.

Im Jahr 2024 entstand das PalliativQuartier Hamburg e.V., um die palliative Versorgung in Hamburg nachhaltig zu verbessern. Unter seinem Dach entwickelt das Goldbach PalliativPflegeTeam seitdem gemeinsam mit dem UKE, der Hamburger Feuerwehr, Sozialbehörde, Kassenärztlichen Vereinigung (KV), dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband, AK St. Georg und AK Harburg sowie den Palliativpflegediensten Pontis Palliative Care und PCT Alster das „Notfall Palliativ Care Team Hamburg“. Im Mai 2026 soll es an den Start gehen.

Ziel dieses Modellprojekts ist es, Patient:innen am Lebensende auch im akuten Notfall dort zu versorgen, wo sie leben – zuhause oder im Pflegeheim – und unnötige Krankenhauseinweisungen sowie belastende Übertherapie zu vermeiden. Immerhin betreffen zwischen drei bis zehn Prozent aller Notarzteinsätze (genaue Zahlen gibt es nicht) Menschen in palliativer Situation; hier soll das neue interprofessionelle Team aus Ärzt:innen und Palliativpflegekräften künftig unmittelbar palliative Hilfe leisten, bis die lokalen Teams der sog. "Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung" (SAPV) übernehmen. 

Wissenschaftliche Begleitung

Um Wirksamkeit, Qualität und Nachhaltigkeit zu sichern und das Projekt langfristig als Modell für Deutschland zu etablieren, wird das Projekt über die Laufzeit von zehn Monaten wissenschaftlich evaluiert. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. Karin Oechsle am UKE, die Projektleitung bei Sven Goldbach


Das Interview im Überblick

[03:28] Wie die Notfallversorgung organisiert ist

Von der Speziellen und Allgemeinen Ambulanten Palliativversorgung, die gängige Praxis derzeit und die zwingenden Gründe für ein PalliativQuartier

[08:53] Vom PALMA-Bogen bis zu den Roten Händen

Über die verschiedenen Möglichkeiten für Palliativpatient:innen, die Rettungskräfte im akuten Notfall über ihre Wünsche zu informieren und die zwingenden Notwendigkeit einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.

[16:32] Was das Notfallpalliativ-Care-Team anders macht
Zusammensetzung und Expertise
  • Interdisziplinäres Team aus ärztlichem und pflegerischem Personal mit palliativer Weiterbildung und langer Berufserfahrung
  • Einbindung von ehrenamtlichen Hospizdiensten für nächtliche Sitzwachen, besonders zur Angehörigenunterstützun
Schnelle Reaktionszeit und 24/7-Erreichbarkeit
  • 24/7 Notfallbereitschaft via Notfallnummern (Hamburger Feuerwehr, KV-Notdienste)
  • Flächendeckende Abdeckung
  • Drei Teams ermöglichen Abdeckung eines gesamten Hamburger Gebiets; schnelle Reaktion aus dem Bereitschaftsdienst
  • Reaktion innerhalb einer Stunde nach Meldung, Aufnahme in die Notfallversorgung, Pilotphase
Behandlungs- und Übergangsstrategie (72-Stunden-Plan)
  • Vor-Ort-Bewertung, Machbarkeit zu Hause prüfen, anschließende 72-Stunden-Notfallversorgung
  • Übergabe an Grundversorger (Hausarzt, Pflegedienst) bzw. SAPV-Teams in dem Gebiet
Schnelle Entscheidungen
  • Falls tragbar: Behandlung zu Hause fortsetzen
  • Falls nicht tragbar: direkter Transport auf eine Palliativstation, Vermeidung von Notaufnahme
Verknüpfung mit bestehenden Strukturen
  • Kooperation mit drei Hamburger Krankenhäusern (UKE, AK St. Georg, AK Harburg) und Einbindung in bestehende SAPV-Strukturen
  • Ergänzt Grundversorgung, Notaufnahme und Rettungsdienst durch frühzeitige palliative Begleitung und Entlastung von Kliniken
[22:30] Über die Benefits des neuen Projekts und was sich das Team für die schwerstkranken Menschen und ihre Angehörigen erhofft
  • personelle Entlastung in den Notaufnahmen
  • Entlastung des Rettungsdienstes
  • Entlastung für das Personal in den Pflegeheimen.

Was ich natürlich als wichtigstes empfinde, ist die Entlastung für die Menschen - für den Menschen in der Situation und auch die Familien. Ich sagte das eingangs schon mal "zu Hause ist zu Hause". Auch für die Angehörigen. Ich habe eine viel größere Sicherheit, wenn ich mich in meiner Umgebung aufhalten kann [...]. Ich glaube, dass dieser Benefit für die Menschen - sie am Lebensende nicht mehr zu transportieren - ein ganz ganz großer ist.

[27:07] Über die wissenschaftliche Begleitung des Projekts, das erstmals Daten zur Notfallaufnahme von Menschen in palliativen Situationen erhebt

Wenn es um die Finanzierung geht, können wir nur über die normalen Sätze in der SAPV oder in der AAPV bei den Patienten abrechnen. Es gibt für diese Notfallversorgung kein neues System. Wir hatten Krankenkassen angeschrieben, die das Projekt auch gut finden, aber nicht bereit sind, im Moment finanziell neue Möglichkeiten zu erschaffen. Genau das waren die Gründe, warum wir gesagt haben, wir möchten das wissenschaftlich darlegen.

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Bisher gibt es in ganz Deutschland keine Statistiken oder effiziente Zahlen, wie viele Menschen in palliativen Situationen ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Da gibt es keine Datenabfassung. [...] Aber genau das endlich darlegen zu können, wie viele Patienten betrifft das überhaupt, die sagen, ich würde lieber zu Hause bleiben, wenn die Möglichkeit besteht.

[33:30] Start der Testphase am ersten Mai

Der Startpunkt ist offiziell am ersten Mai ab acht Uhr. Unser Notfallteam wird hier auf Anrufe warten. Wir werden Ende April die Notfallnummer an die Feuerwehr und den KV-Notdienst rausgeben. Das Projekt ist für zehn Monate angesetzt als Pilotprojekt und auch für die Studie. Wir werden damit anfangen, die Versorger zu befragen. Es gehört dazu, dass wir auch die Akteure im Gesundheitswesen befragen, die beteiligten SAPV-Teams, den Rettungsdienst, also die Notärztinnen und Notärzte – wie sie die Ist-Situation einschätzen und ob sie glauben, dass dieses Projekt wirklich eine Sinnhaftigkeit bringt. Und das Ganze wird auch am Ende des Pilotprojekts auch noch mal gemacht.

Sven Goldbach im Gepräch mit Julia Hauck und Tanja Brunner von der Christoph Lohfert Stiftung
Sven Goldbach im Gepräch mit Julia Hauck und Tanja Brunner von der Christoph Lohfert Stiftung

 

[36:20] Über das Ziel, das Projekt bundesweit auszurollen, über Herausforderungen auf dem Weg dorthin und die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten und -Ansätze, für die ein Blick in andere Länder lohnt

Ich glaube, dass das auf alle Fälle was wäre, das bundesweit umgesetzt werden sollte und könnte und auch eine große Entlastung bundesweit bringen würde. Die große Herausforderung sehe ich ganz eindeutig in den personellen Ressourcen der jetzt bestehenden Palliativteams, die Notfallversorgung immer aufrechterhalten zu können.

[40:30] Über das PalliativQuartier als Ort für sterbenskranke Menschen, an dem sie nicht allein sind und möglichst selbstbestimmt in Gemeinschaft leben und sterben können.

Das Palliativquartier ist meine Herzensangelegenheit. Das Palliativ-Quartier hat das Ziel, dass kein Mensch alleine sterben muss, wenn er das nicht möchte. Und so ist die Idee damals entstanden, eine Art Servicewohnen, betreutes Wohnen, eine palliative WG aufzumachen, in der Menschen zwischen 20 und 60 leben. [...] Und das war immer mein Wunsch, ein Zuhause oder ein Quartier zu schaffen, in dem sie autonom leben können. Also in einer Art Mikro-Apartment, wo sie eine kleine Küche haben, ihr eigenes Bad, wo sie sich zurückziehen können, aber auch die Möglichkeit haben, in Gesellschaft zu sein, mit anderen Betroffenen, wo man auch Ehrenamt mit einbindet, wo man wirklich so eine Art Quartier hat.

[44:41] Sven Goldbachs Wunsch in Bezug auf den Klimaschutz für Deutschland: ausreichend Ladesäulen für einen elektronischen Fuhrpark

Da wünsche ich mir tatsächlich auch was, dass wir dann komplett elektromobiltechnisch hier in Hamburg fahren können. Genau das können wir leider noch nicht. Wir sind extrem bemüht, unseren Fuhrpark umzustellen. Wir sind den ganzen Tag unterwegs in der Stadt. Es liegt leider an der Infrastruktur, dass wir es noch nicht können, alle Autos umzusetzen. Und da wünsche ich mir ganz stark von der Stadt, dass sie das möglich macht, auch gerade für Menschen, die beruflich die Autos nutzen, die Infrastruktur für die Ladestation zu schaffen. Ich glaube, das ist ein ganz großes Thema. Viele Pflegedienste, Palliativteams wären bereit, ihren Fuhrpark umzustellen und ihren Beitrag zu leisten, wenn wir die Möglichkeit hätten.

Seine Vision für das Thema Tod und Sterben

Was ich mir für die Palliativversorgung vorstelle, ist, dass wir als Gesellschaft endlich über Tod und Sterben offen reden können. Dass Menschen so sterben, wie sie sich das selber vorstellen, dass sie selber bestimmen können, wie ihr Tod, ihr Sterben aussieht in der letzten Lebensphase. Advanced Care Planning, Patientenverfügung,... dass wir hier eine höhere Prozentzahl erreicht haben, und dass wir das Sterben dahin holen, wo es hin gehört, nämlich nach Hause. Menschen sterben seit Millionen von Jahren in der Häuslichkeit, durch die Familie betreut, durch Profession betreut, und dass wir das schaffen und dass wir wenigsten bis dahin Quartiere haben, wo Menschen bis zum Lebensende am Leben teilhaben können.

Hamburg, 09.04.2026


Zur Person

Sven Goldbach ist Initiator und Projektleiter des Notfall Palliativ Care Team Hamburgs/PalliativQuartier e.V.. Er ist außerdem Geschäftsführer und Pflegedienstleitung der Goldbach PalliativPflegeTeam GmbH, examinierter Krankenpfleger, Fachkraft Palliative Care, Pflegeberater (nach § 7a SGB XI), Fachkraft p-e-ac® Ohrakupunktur, Qualitätsbeauftragter und Schmerzexperte (DGSS). 

Die Christoph Lohfert Stiftung unterstützt die wissenschaftliche Auswertung des Notfall Palliativ Care Team Hamburg mit Mitteln aus ihrem Projektfonds. Der Projektfonds unterstützt kurzfristig und unbürokratisch Projekte, deren Finanzierung bereits weitestgehend feststeht und die kurz vor der Realisierung stehen.


Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen. Headerbild: Bertram Solcher für den Lohfert-Preis 2015 an das Projekt  MEDUSA –Medical EDUcation for Sepsis source control and Antibiotics des Universitätsklinikums Jena

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