Lohfert-Preis
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Wir haben Dr. Hahn zum Ausschreibungsthema des diesjährigen Lohfert-Preises "Patient Journey neu gedacht – Innovative Lösungen für ein institutionenübergreifendes Patientenmanagement" befragt. Es gefalle ihr natürlich besonders gut, sagt sie: „Es gibt viele, die aufeinander zugehen und miteinander bessere, koordinierte Verzahnung hinbekommen wollen. Aber es gibt auch ganz schön viele Widerstände. Ich glaube, das ist eine der Herausforderungen der nächsten Jahre, sich damit besser zu befassen: Diese Vereinzelung im Gesundheitswesen … besser in den Griff zu kriegen und sich einem übergeordneten Steuerungskonzept oder übergeordneten Steuerungsideen anzunähern.“
Ausschreibung des Lohfert-Preises 2026
[01:37] Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Verzahnung im Gesundheitswesen
Das LinkedIn-Profil von Dr. Ursula Hahn zeigt aneinander vorbeischwebende Zahnräder – eine Metapher für den Zustand der Gesundheitsversorgung?
[02:43] Interdisziplinärer Blick: Ökonomie, Medizin und Versorgungspraxis aus der "Adlerperspektive"
Vom Blick aufs Detail zum Blick aufs große Ganze: Dr. Hahn ist Expertin mit interdisziplinärem Hintergrund. So hat sie nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre Medizin studiert und verbindet nun beide Denkweisen in ihrer Arbeit auch für den Bundesverband Managed Care (BMC), sowohl als Vorständin, als auch als Leiterin der Arbeitsgruppe Intersektorale Versorgung.
Ich kann sehr im Detail sein, aber ich habe das Werkzeug, um aus der Adlerperspektive zu schauen. Das macht die BMC-Arbeit so spannend, weil da alle diese verschiedenen Perspektive gefordert sind.
[04:01] Patient Journey: Ein Marketingkonzept als Zukunftsthema für die medizinische Versorgung?
Das Thema des kommenden Lohfert-Preises sei wichtig und notwendig. Der Ansatz der Patient Journey werde zwar seit Jahren diskutiert, befinde sich in der praktischen Umsetzung jedoch noch am Anfang, so Dr. Hahn.
Patient Journey, koordinierte Versorgung - das ist das, was uns in den nächsten Jahren weiterbringen kann. Es ist das, wovon ich glaube, dass es die Versorgung verbessern und auch die Kosteneffizienz in den stärker in den Blick nehmen kann.
Save the date: Preisverleihung am 09.09.2026
[04:48] Patient Journey: Vom Analyseinstrument zum Gestaltungsprinzip
Dr. Hahn erläutert den Begriff der Patient Journey als „Reise“ von Patient:innen durch das Gesundheitswesen entlang einer Erkrankung – konsequent aus deren Perspektive gedacht.
Patient Journey wird zunehmend auch als Begrifflichkeit genutzt, um Projekte zu beschreiben, die einen abbruchfreien Versorgungspfad im Rahmen eines bestimmten Krankheitsfalls beschreiben. Ursprünglich ist es eher ein deskriptives Instrument, mittlerweile wird es mehr zu einem normativen: Es soll eine gute Patient Journey, eine abbruchfreie Patient Journey sein.
[07:09] Viele Stationen, viele Übergänge, viele Brüche: Herausforderungen entlang der Patient Journey
Die Patient Journey ist ein individueller Weg, der für viele Patient:innen bereits bei der ersten Symptomerkennung mit Unsicherheit beginnt. Häufig fehle eine klare Steuerung: Patient:innen wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, erhalten Informationen, fühlen sich aber mit der weiteren Organisation allein gelassen. Gerade an frühen Stellen der Versorgung entstünden so Abbrüche, beschreibt Dr. Hahn, etwa wenn notwendige Screenings oder Anschlussbehandlungen nicht koordiniert vermittelt werden. Besonders problematisch sei dies für Menschen mit chronischen oder multiplen Erkrankungen, die auf eine enge Zusammenarbeit verschiedener medizinischer und nichtärztlicher Professionen angewiesen sind.
Die Stationen der Patient Journey sind sehr individuell. Kleinster gemeinsamer Nenner ist aber, glaube ich, die Erkenntnis: Es drohen unendlich viele Lücken, über die die Patient:innen alleine nicht hinwegkommen.
[11:25] Primärversorgung ist mehr als hausarztzentrierte Versorgung: Steuerung entlang des tatsächlichen Bedarfs
Dr. Hahn unterstreicht die Bedeutung einer gezielten Versorgungssteuerung für eine funktionierende Patient Journey, warnt jedoch vor einer zu engen Auslegung im Sinne eines rein hausarztzentrierten Systems. Zwar zeigten Studien, dass strukturierte Primärversorgung aus Patientensicht Vorteile habe. Entscheidend für die Effizienz sei jedoch, Steuerung breiter zu denken und unterschiedliche – auch digitale –Einstiegspunkte in die Versorgung zuzulassen, wie beispielsweise im Positionspapier des BMC beschrieben.
Wir glauben, die Steuerung im Sinne einer Primärversorgungssteuerung sollte mehr Dimensionen berücksichtigen.… Es gibt nicht nur den Hausarzt, der als erste Anlaufstelle in Frage kommt. Es gibt auch Digitalisierungstools, die genutzt werden können, es könnten Primärversorgungszentren sein, die als interdisziplinäre Strukturen Anlaufstellen sind. Es könnten aber auch noch mal andere Aspekte sein ...
[15:28] Kritische Übergänge und die Rolle der Digitalisierung
Die Übergänge zwischen verschiedenen Stationen der Patient Journey sind besonders anfällig für Informationsabbrüche. Klassische Problemstellen:
Hier kommt es häufig zu verzögerten oder fehlenden Informationen, Doppeluntersuchungen oder fehlender Abstimmung, was Patient:innen belastet und den Verlauf unnötig kompliziert macht.
[19:51] Elektronische Patientenakte als Steuerungsinstrument
Die elektronische Patientenakte (ePA) ermöglicht nicht nur die aktuelle Übersicht über verschriebene Arzneimittel, sondern beinhaltet auch die Information, ob ein Rezept tatsächlich eingelöst wurde. Solche Daten helfen den Behandelnden, Patient:innen besser im Blick zu behalten und frühzeitig auf Versorgungsbedarfe zu reagieren. Besonders für ältere Patient:innen ist dies bedeutsam. Entscheidend sei, erläutert Dr. Hahn, die Nutzung der ePA deutlich auszubauen. Dafür müssten nicht nur Praxen und Apotheken, sondern auch Krankenhäuser und alle weiteren beteiligten Versorgungsakteur:innen in das System eingebunden werden. Nur so könne der volle Nutzen für eine koordinierte und sichere Versorgung realisiert werden.
Man darf die Rolle von Digitalisierung in diesem Gebiet mit den großen Herausforderungen der Fragmentierung im Gesundheitswesen nicht unterschätzen.
[21:21] Digitalisierung, Selbstverwaltung und häusliche Versorgung
Dr. Hahn erklärt, dass die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) zwar technisch weitgehend umgesetzt sei, die Nutzung aber noch ausgebaut werden müsse – insbesondere für Pflegekräfte, ambulante Diensten und Krankenhäusern. Gleichzeitig betont sie die Bedeutung niederschwelliger, medizinisch angemessener Versorgung in der Häuslichkeit. Telemedizin, digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), Telemonitoring und nichtärztliche Berufsgruppen könnten helfen, Patient:innen frühzeitig und ressourcenschonend zu versorgen.
[22:54] Best Practices: aus dem Innovationsausschuss in die Regelversorgung?
Viele Best-Practice-Modelle, die der Innovationsausschuss des G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) finanziell fördert, werden teilweise gar nicht oder häufig nur regional in die Regelversorgung überführt.
... ich glaube, wenn wir uns als Gesellschaft darauf verständigen, dass wir so viel Energie und natürlich auch Ressourcen – und ich meine jetzt nicht nur das Geld, das vom Innovationsfonds ausgeschüttet wird, sondern ich meine auch die vielen Ressourcen von Menschen, die da ihr Herzblut reinstecken, die Ideen entwickeln und die sich kraftvoll beteiligen – wenn man diese Ressourcen verwendet, sollte es am Schluss auch ein Ergebnis geben, dass das Gesamtsystem weiterentwickelt.
Der BMC fungiert hier als Plattform, die Akteur:innen zusammenbringt, Wissen weitergibt und den Austausch fördert – etwa auf Kongressen wie dem aktuellen BMC-Kongress oder durch praxisnahe Projekte wie die Erforschung des Einsatzes von KI zur Versorgungsverbesserung.
Ein besonders vielversprechender Ansatz ist das Value-based Healthcare-Modell, bei dem nicht einzelne Leistungen, sondern der gesamte Behandlungspfad vergütet wird. Dazu gibt es beim BMC ebenfalls eine Arbeitsgruppe, u.a. mit Dr. Regina Klakow-Franck, Jurymitglied des Lohfert-Preises.
[25:02] Die Zukunft integrierter Versorgung: Koordination und Verantwortung
Dr. Hahn skizziert die Zukunft für das Gesundheitswesen, die auf besserer Verzahnung entlang des Patientenpfads und der gemeinschaftlichen Verantwortung der verschiedenen Akteur:innen basiert. Zentral seien zielgerichtete Strukturen, die größere Versorgungsbereiche unter einem Dach bündeln – etwa Primärversorgungszentren oder große Fachzentren und nicht zuletzt sagt sie:
„Ich glaube, die Weichenstellung wird verstanden. Es muss ein Miteinander geben und kein Gegeneinander.“
Hamburg, Düsseldorf, 22.01.2026
PD Dr. Ursula Hahn ist Geschäftsführerin des OcuNet Verbunds, eines Zusammenschluss´ intersektoraler augenmedizinischer Facharztzentren. Zudem ist sie stellvertretende Vorständin des Bundesverbands Managed Care und leitet dort die AG "Intersektorale Versorgung". Zuletzt hat sie gemeinsam mit u.a. Lutz Hager (Hrsg.) das Buch "Gemeinschaftsprojekt Gesundheit - Value als Kompass für die Transformation der Gesundheitsversorgung" in der MWV Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft herausgegeben. U. Hahn ist diplomierte Volkswirtin, approbierte Ärztin und hat in klinischer Epidemiologie promoviert.
Das beschriebene Linkedin-Headerbild ist von Gemini weiterbearbeitet worden. Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen.