»…In der Medizin hat sich in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel getan. Die Spezialisierung ist weiter und äußerst zügig vorangeschritten, die Arbeitsteilungen sind größer, die Abteilungen kleiner geworden, und es gibt mehr Patienten, die älter und kränker als früher sind. So wird die Organisation im Krankenhaus gleich von mehreren Seiten in die Zange genommen: Vertiefung und Spezialisierung des medizinischen Wissens, steigende Patientenanzahl, kürzere Verweildauer, neue betriebliche Steuerungssysteme, komplexere Arbeitsabläufe, Kostendruck und Forderungen nach höherer Wirtschaftlichkeit, und, und, und.

Wie problematisch sich diese Faktoren auf die Entwicklung im Krankenhaus auswirken, zeigt sich vor allem in der Schnittstellen-Problematik. Sie ist mit dafür verantwortlich, dass die Organisation um den kranken Menschen schlechter und schlechter wird. So viele neue Steuerungsinstrumente kann man gar nicht entwickeln, umsetzen und kontrollieren, wie die Schnittstellen in Anzahl, Komplexität und Bedeutung zunehmen. Diesen Wettlauf gewinnen Desorganisationen, Chaos und Fehlerquote. ...

Heute, viele Jahre später, sind uns die Gründe für diese falsche Richtung hinlänglich bekannt. Wir folgten in der Medizin schlicht den falschen Propheten: Anstatt die Patienten im Blick zu haben, dachten wir an Märkte, Wettbewerb und Fischzug. Wir glaubten an den Gott des Wachstums, anstatt seiner Heiligkeit der Qualität die Ehre zu erweisen.«

(Auszug aus: Das Medizinische Prinzip. Handbuch für das Krankenhaus der Zukunft. Christoph Lohfert, München, 2013)